Der Wettbewerb um internationale Studierende nimmt zu. Wien kann von seiner Lage profitieren und braucht dafür eine Strategie, zeigt die Studie von Joanneum Research.

 

Gezielte Strategien im Wettbewerb um beste Köpfe

Die Mobilität von Studierenden nimmt jährlich stark zu und Studierende haben immer mehr Optionen für eine gute Ausbildung. Im vergangenen Jahrzehnt verdoppelte sich weltweit die Zahl der international mobilen Studierenden – ohne Berücksichtigung zeitlich befristeter Aufenthalte im Rahmen von Austauschprogrammen. Getrieben wird diese Entwicklung vornehmlich von Studierenden aus asiatischen Ländern wie China, Indien, Vietnam oder Iran.

Einige Regionen erkennen diesen Trend als Chance und setzen darauf, dass internationale Studierende zur Vernetzung mit ihren Heimatländern beitragen und in weiterer Folge zur Stärkung des Wissensaustausches und der Handelsbeziehungen, ganz abgesehen vom kulturellen Austausch. Nicht zuletzt auch die regionalwirtschaftlichen Effekte durch Konsumausgaben der Studierenden sind ein positiver Faktor.

Studie: Steigerung der Studienortattraktivität

Im Rahmen der Studie des Joanneum Research wurde analysiert wie Regionen in Europa mit dem Strom der internationalen Studierenden umgehen und welche Maßnahmen gesetzt werden, um diese gezielt anzusprechen. Ausgewählt wurden die Niederlande, Deutschland, Dänemark und die Schweiz. Die zentralen Ergebnisse der Studienautoren Andreas Niederl und Lena Bader:

  • In Deutschland und den Niederlanden wurde ein Verhaltenskodex eingeführt, der Mindeststandards der Willkommens- und Betreuungskultur definiert.
  • Internationale Studierende werden auch bei der Wohnungssuche unterstützt. Die analysierten Stadtverwaltungen (Amsterdam, München, Zürich) sehen ihre Rollen primär in der Schaffung entsprechenden Wohnraums.
  • Um die Integration in den Arbeitsmarkt zu verbessern, wurden in Deutschland die Grenzen für das maximale Beschäftigungsausmaß während des Studiums ausgeweitet und die Zeit für die Arbeitssuche nach Studienabschluss auf 18 Monate verlängert.
  • In Deutschland erfolgt zur Vereinfachung des Bewerbungsprozesses die Vorüberprüfung der Studieneignung internationaler Studierender zentral. Bei Eignung können sich die BewerberInnen unkompliziert bei verschiedenen Hochschulen gleichzeitig bewerben.
  • Deutschland hat die Mittel für Stipendien für hoch talentierte internationale Studierende deutlich ausgeweitet.
  • Deutschland und die Niederlande haben eigene Büros in ausgewählten Zielländern (Brasilien, Indien, China etc.)  zur Bereitstellung von Informationen/Anwerbung etabliert.
  • Dänemark verfolgt gezielt die Strategie, internationale Studierende bei der Suche von Studierendenjobs und Praktika zu unterstützen.
  • Die Schweiz setzt für die Anwerbung von hoch talentierten Studierenden fast ausschließlich auf die (Kommunikation der) Qualität der Hochschulen.
  • Englischsprachige Kursangebote sind darüber hinaus – zumindest auf Master- und Doktoratsebene – mittlerweile sehr weit verbreitet und in Ländern wie den Niederlanden fast schon die Regel.

Wien ist anders

Wien ist ein international bedeutender Hochschul-, Wissenschafts- und Forschungsstandort, der für internationale Studierende sehr attraktiv ist, wie der hohe Anteil internationaler Studierender zeigt:

  • Jeder vierte Studierende hat eine ausländische Staatsbürgerschaft.
  • Österreich ist weltweit eines der Länder mit dem höchsten Anteil internationaler Studierender. Er liegt etwa auf dem Niveau der Schweiz und Großbritanniens und ist deutlich höher als beispielsweise in Deutschland, den Niederlanden oder Schweden.

Die Hochschulen in Wien setzen bereits einige Akzente im Wettbewerb um die internationalen Studierenden. Doch im Gegensatz zum internationalen Trend, demzufolge primär versucht wird für international mobile Studierende auf Master- und Doktoratsniveau attraktiv zu sein, sind mehr als die Hälfte der ausländischen Studierenden in Wien in Bachelorstudien eingeschrieben. Auch zeigt sich keine besondere Teilhabe am Pool der internationalen Studierenden aus aufstrebenden Schwellenländern (wie sie in vielen Ländern u.a. zur Verbesserung der internationalen Beziehungen angestrebt wird). Vielmehr kommt der allergrößte Teil der ausländischen Studierenden aus Deutschland, sowie aus Südosteuropa. Dies stellt per se kein Problem dar, hängt die Wahl der geeigneten Maßnahmen doch von der Ausgangssituation und den spezifischen Zielsetzungen ab.

 

Fazit: Nachhaltige Strategie nötig!

Wien wird im internationalen Vergleich an Attraktivität verlieren, wenn nicht gezielt Maßnahmen gesetzt werden, um das Studienangebot attraktiver zu gestalten und die administrativen Hürden zu verringern. Internationalisierung darf nicht dem Zufall überlassen werden, eine nachhaltige Strategie ist dringend nötig.

Wien ist als wichtigster Hochschulstandort Österreichs auch von den Rahmenbedingungen des Bundes abhängig. Die Blockadehaltung des Sozialministeriums bezüglich des Zugangs ausländischer AbsolventInnen zum heimischen Arbeitsmarkt (Stichwort Rot Weiß Rot Card) trifft Wien in besonderem Ausmaß – und zwar negativ.

Die Willkommenskultur ist ein wichtiges Kriterium für die Attraktivität eines Wissenschaftsstandortes. Wien braucht mehr davon und ist dabei auch auf den Bund angewiesen. Dabei geht es um Brain Circulation, nicht um Brain Drain.

Download der Studie: Maßnahmen zur Studienortattraktivität aus internationaler Perspektive_JOANNEUM RESEARCH POLICIES